Mittwoch, 27. Mai 2009

Der Zenit


Vor einigen Jahren bergan sich die Welt der Bar in eine neue Richtung zu drehen. Die Bewegung ist nach wie vor zu vernehmen. Der Weg ging weg von XXL-Saftmischungen aus 10 Zutaten, die eh nur noch alle Süß schmecken. Unterscheiden kann man diese Drinks oft nur noch an der Farbe die im Spektrum zwischen Neongrün und Warnleuchtenrot einzuordnen ist. Man besinnt sich wieder auf alkoholisch geprägte Drinks mit feinen Nouancen. Weniger ist mehr und so entfernten sich die Cocktails langsam wieder von ihrem Pseudo-Coolness-Status zu einem gepflegten Genussmittel das sie auch darstellen sollten. Alte Klassiker sind sehr gefragt und wurden in ebenso alten Cocktailbüchern neu gefunden. Davon profitierten unter anderem Rezepte wie der Sazerac, Ramos Gin Fizz oder der Blood & Sand.
Um diese Dinge originalgetreu zu mixen wurden auch die nötigen Zutaten neu aufgelegt falls diese nicht mehr (oder nur noch unzureichend) erhältlich waren. Allen voran sind Cocktailbitters zu nennen. Diese Gewürze der Bar konnten, in unseren Regionen, nur noch mit Müh und Not, in Form von Angostura und einem schlechten Orangenbitter besorgt werden. Mittlerweile stellt dies keine Probleme mehr da und so können wir heute aus einem Sortiment von gut 20 Sorten auswählen. Auch der Umfang an Spirituosen nahm mit dieser Entwicklung drastisch zu. Jeder der sich damit ein wenig beschäftigt kennt die mittlerweile fast unüberschaubare Auswahl an Gin, Vodka und Rum.
Natürlich muss man dem Internet in allen diesen Punkten auch eine große Rolle zukommen lassen. Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit war es möglich sich alle möglichen Informationen, zu jeder Zeit, an jedem Punkt der Erde, innerhalb von Sekunden zu erreichen. Wofür vor 100 Jahren so genannte Barflys nötig waren um die Tresen-Trends über die Weltmeere zu bringen reicht heute ein kleines elektrisches Gerät in der Hosentasche aus. Dazu kommen noch die anderen Medien an denen diese Thematik nicht spurlos vorüber zieht. Zeitschriften, Zeitungen und TV berichten vereinzelt über diese Geschehnisse. Dazu kommt das ein oder andere Fachmagazin das sich der Barkultur komplett verschrieben hat.
Doch damit nicht genug. Ganze Bars wurden dem Trend entsprechend umgebaut oder gar entworfen um den geneigten Genießer einen fantastischen Abend zu bescheren. Um diese „Tempel“ zu finden bedarf es nicht viel Arbeit. Man gehe ins Internet und frage dort an verschiedenen Stellen nach einer guten Bar in einer Stadt seiner Wahl. Nach wenigen Minuten sind erste Ergebnisse auf dem Bildschirm zu sehen, welche meist identisch sind. Bei dem andauernden Trend der Barkultur kann man davon ausgehen das es sich um einen der besagten „Tempel“ handelt.
Ich begrüße diese Entwicklung sehr und möchte sie nicht missen. Ganz im Gegenteil trage ich durch diesen Blog auch einen kleinen Teil dazu bei wie mittlerweile mindestens ein Dutzend weitere. Weshalb ich das alles schreibe und nochmals aufführe? Die anfangs erwähnte Drehbewegung scheint sich allmählich zu verlangsamen. Sie stoppt nicht aber sie wird (in meinen Augen) merklich langsamer. Neue Produkte erscheinen (wohl auch durch den herrschenden Überfluss) deutlich langsamer und weniger als noch vor zwei Jahren. Ebenso neue Bars die das Rampenlicht bei einer Eröffnung auf sich ziehen durch ihr innovatives Konzept oder Ähnlichen. Die Anzahl von Neuigkeiten im Netz nimmt ab und seit längerer Zeit ist kein Drink mehr aufgetaucht der ähnlich polarisierte wie beispielsweise ein Beuser & Angus Spezial seiner Zeit. Daher stell ich mir ein grundsätzliche Frage und diesen Diskusisonsansatz: Ist der Zenit in der neuen alten Bar bereits überschritten?

Kommentare:

  1. Hallo Christian,

    Ich mache ähnliche Beobachtungen, bestimmte Blogs haben zunehmend zu kämpfen überhaupt etwas zu schreiben und triften daduch teils stark vom Kernthema ab.
    Die klassische Bar als historische Bar ist erschöpflich.
    Man kann nur das reproduzieren, was es schon gibt.
    Die 1996er Champagnerverkostung war der Hammer!
    Die Forumstreffen waren in ganz Deutschland (München schon mal dazu gerechnet). 35 Leute wollen kommen, was für eine heftige Zahl. - Gehts noch größer? Ich kanns mir kaum vorstellen.

    Alte Zutaten, alte Rezepte und die dazugehörige Geschichte sind in kürzester Zeit aufgearbeitet worden. Da der Mensch nie zufrieden ist, wird ein Ramos Gin Fizz mit der Zeit langweilig, so komisch, wies auch klingt. Sofort musste das nächste her.
    Immer weiter, immer schneller, immer höher, immer teurer, immer seltener.
    Der Gipfel ist irgendwann erreicht.

    Mittlerweile ist man auf Neukreationen angewiesen.
    St. Germain war ja Anstoß für was neues. Safran Gin/Likör war etwas.
    Tequila wurde als salonfähige Spirituose wiederentdeckt.
    Man war ja nicht untätig.
    Aber so langsam gehen die Ideen aus. Ich selber hab noch ne schöne Liste vor mir, ich hab noch was zu erkunden. Aber ich merke so langsam, dass es überschaubar wird. Meine Wunschliste an Spirituosen, die mich wirklich interessieren ist auch endlich geworden. Crackone hat auch schon gesagt, dass er eig. nur noch nachkauft was leer geworden ist.

    Ich denke, die klassische Bar ist nicht tot und es wird noch weiter einiges geben.
    Aber die Zeitreise mit Lichtgeschwindigkeit ist wohl erstmal vorbei.

    Wir leiden auf hohem Niveau.
    Ich hab in den letzten 3 Jahren etwas kennengelernt, was ich nicht mehr missen möchte. Nicht im Sinne vom 24h Vollrausch sondern im Sinne von Sinn für den Genuss. Das nimmt mir keiner mehr.
    Ich kenne so viele Cocktails, Zutaten und Hintergrundinformationen.
    Jedes mal, wenn ich ne Cocktailparty veranstalte und gefragt werde, merke ich erst, wie extrem das eig. ist. Dabei hab ich gar nicht viel im Gegensatz zu dem, was ich theoretisch hätte machen können, an dem Abend gezeigt. Für mich ist es aber „normal“ geworden.
    Normal sollte es nicht sein.
    Wie schon geschrieben, es gibt noch ein einige Sachen, die will ich umbedingt kennen lernen, aber langfristig werde ich es wesentlicher ruhiger angehen lassen.
    Ich hab festgestellt, wenn, zum richtigen Anlass und eben nicht jedes Wochenende, man sich mal was gönnt, am besten in zusammen mit ein paar Freunden, danns ist es gesunder Genuss, der viel länger hält, als eine Euphoriewelle.

    Gruß

    Sigurd

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  2. Ich teile deine Beobachtungen voll und ganz. Aber ich glaube das macht alles nix. Als Wirtschaftler würde man von der abnehmenden Grenzproduktivität sprechen. Die besagt ganz einfach je mehr ich irgendwo reinstecke desto geringer ist der Zuwachs an dem was dabei rauskommt pro investierter Einheit. Da die Cocktailwelt(und damit mein ich ausdrücklich nicht deinen Blog :)) auf sehr geringem Niveau gestartet ist, waren die Qualitätszuwächse zunächst enorm. Mittlerweile auf sehr hohem Niveau angekommen ist der Zuwachs deutlich abgeflaut....An anderer Stelle stecken wir aber trotzdem noch in den Kinderschuhen. Der Genuss guter Drinks ist noch immer kein Mainstream. Und hier sind die Zuwachsraten (wenn geeignet investiert wird) somit noch sehr sehr hoch. Und daran gilt es zu arbeiten. Wenn ich durch eine mittelgroße Stadt gehe und einen Drink haben möchte, wähle ich meist immer noch das Bier, weil der Saftpunsch leider noch sehr gegenwärtig ist...Da finde ich könnte man ansetzen.

    Von daher würde ich sagen bei der konzept- und Spirituosenerfindung ist alle in bester ordnung und wir bewegen uns mit gesundem (aber langsamen) Wachstum voran. Jetzt gilt es zu neuen Ufern aufzubrechen und den guten Drink unter die nicht Cocktailnerds zu bringen, denen das Oberflächen/Masse-Verhältnis von Eis wurscht ist, die aber einen guten Drink durchaus zu genießen wissen. Und davon gibts viele (sagt meine unrepresentative Marktanalyse in mehreren mittel großen städten).

    Wenn wir da ansetzen, dann ist noch einiges zu holen und neue Gipfel zu erklimmen. "First we take Manhatten than we take Berlin" sagt Joe Cocker. Das reicht mir nicht. Nach Berlin und München (dem Ruhrgebiet vielleicht noch) ist es jetzt an der Zeit Hannover und Freiburg, Magdeburg und Garmisch einzunehmen....für den guten Drink natürlich!!

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  3. "First we take Manhatten than we take Berlin" sangen soviele Leonard Cohen und Marianne Faithfull ebenso...
    Ich sehe es aber doch etwas anders...
    Wenn man glaubt der Zenit wäre erreicht, dann sollte man stets in alle Richtungen schauen und man wird noch vieles über einem erkennen können.Wie sehen die Kenntnisse in Bezug auf eher nicht so populäre Spirituosen aus?
    Ja, manch einer hat 30 Rums daheim, aber wie sieht es beim Agricole Rhum aus? Was ist mit all den alten Sachen die da noch vielfältig durch die Szene geistern? Was ist mit Brandy? Seine wahren Werte werden wohl kaum durch die in Deutschland erhältlichen Produkte gewissenhaft dargestellt? Wo sind die Bars mit der exquisiten Calvados- oder Armangnacauswahl? Wo sind die Barspezialisten mit guten Kenntnissen der osteuropäischen Szene? Wer jetzt sagt das sich der Zug langsamer bewegt, der hat noch nicht erkannt wie weit er noch fahren muss. Kurz mal schnell nach vorne sprinten das ist leicht, dafür reichen zum Teil Kinoimpulse a la Cocktail. Jetzt heisst es aber mithalten und weiter rennen, ohne dabei sovieles aus dem Auge zu verlieren.
    Mike

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  4. Ja - das ist ähnlich wie beim Wein. Leider wird die Bar zu stark von Lifestyle-Produkten dominiert. Was in der Bar zZt der Gin ist sind die "hochprozentigen" Weine aus der neuen Welt beim Wein...

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